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Wie kann ich Düfte für Menschen im Autismus-Spektrum oder mit sensorischer Überempfindlichkeit möglichst reizarm auswählen?

Düfte sensibel auswählen: So finden Sie reizarme Parfums bei Autismus und sensorischer Empfindlichkeit

Menschen im Autismus-Spektrum oder mit ausgeprägter sensorischer Empfindlichkeit erleben Gerüche oft stärker und unmittelbarer als andere. Was für viele lediglich „gut riecht“, kann bei anderen Kopfschmerzen, Übelkeit, Stress oder den dringenden Wunsch nach Rückzug auslösen. Umso wichtiger ist ein bewusster und respektvoller Umgang mit Parfums und Raumdüften – sowohl für sich selbst als auch im Miteinander. Im Folgenden geht es darum, worauf Sie achten können, welche Dufttypen häufig besser toleriert werden und wie sich Düfte schrittweise testen lassen, ohne zu überfordern.


Warum Düfte für sensible Menschen schnell zur Belastung werden

Der Geruchssinn ist eng mit den Hirnarealen verbunden, die Gefühle und Erinnerungen steuern. Bei vielen Menschen im Autismus-Spektrum oder mit sensorischer Überempfindlichkeit arbeitet diese Reizverarbeitung anders: Reize werden weniger gefiltert, kommen ungefilterter „durch“ und wirken dadurch intensiver.

Starke, schwere oder sehr komplexe Düfte können dann:

  • Unruhe, Stress oder Überforderung auslösen
  • körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Übelkeit verstärken
  • Konzentration, Arbeitsalltag oder Schule deutlich erschweren

Hinzu kommt: Düfte verschwinden nicht auf Knopfdruck. Ein aufgetragenes Parfum bleibt oft viele Stunden wahrnehmbar – auch dann, wenn es sich unangenehm anfühlt. Gerade deshalb lohnt es sich, Düfte so auszuwählen, dass sie für alle Beteiligten möglichst gut auszuhalten sind.


Schritt für Schritt zu einem reizarmen Duft

Statt sich nur auf „mag ich / mag ich nicht“ zu verlassen, hilft ein strukturiertes Vorgehen. So können Sie testen, ohne gleich zu überfordern:

  1. Vorab klären, was gar nicht geht
    Fragen Sie konkret nach bisherigen Erfahrungen: Gab es Düfte, die Probleme gemacht haben (z. B. sehr süße Noten, intensive Blüten, starker Moschus, Räucher- oder Vanillenoten, Gerüche wie „Putzmittel“)? Solche Kategorien können Sie von Anfang an aussortieren.

  2. Mit sehr leichten Düften beginnen
    Starten Sie mit klaren, zurückhaltenden Richtungen: etwa zarte Zitrusnoten, leichte Grünakkorde, dezente „saubere“ Duftprofile oder ganz schlichte Körperpflegeprodukte ohne ausgeprägten Eigengeruch.

  3. Zuerst auf Papier, nicht auf der Haut testen
    Sprühen Sie den Duft auf einen Teststreifen und warten Sie ein paar Minuten. So lässt sich der Kontakt jederzeit abbrechen, wenn er als zu intensiv oder unangenehm empfunden wird.

  4. Nur einen Duft pro Testdurchgang
    Verzichten Sie auf das parallele Schnuppern an mehreren Düften. Das überlagert die Wahrnehmung und macht es schwer, den eigentlichen Auslöser zu erkennen.

  5. Kurze, kontrollierte Duftkontakte
    Riechen Sie nur kurz, legen Sie den Streifen zur Seite und beobachten Sie, wie es der betroffenen Person im Verlauf geht. Manches Unbehagen zeigt sich erst mit etwas Abstand.


Typische Stolperfallen – und wie Sie sie umgehen

Auch mit den besten Absichten kann ein Duft schnell „zu viel“ werden. Häufige Fehler sind:

  • „Nur ein Spritzer“ ist doch nicht viel
    Für sensible Menschen kann schon ein einziger Sprühstoß deutlich zu stark sein – vor allem in geschlossenen Räumen, im Auto oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.

  • Düfte in Gemeinschaftsräumen
    Raumdüfte, Duftkerzen oder Stäbchen in Fluren, Wohnzimmern oder Büros können einzelne Personen massiv belasten, auch wenn andere kaum etwas riechen.

  • Überraschungsdüfte als Geschenk
    Parfum als Überraschungsgeschenk ist bei sensorischer Empfindlichkeit ein Risiko. Besser gemeinsam auswählen – oder ganz auf Duftgeschenke verzichten.

  • Duft direkt auf Kleidung oder gemeinsame Gegenstände
    Nie ohne klares Einverständnis auf geteilte Textilien, Möbel oder gemeinsam genutzte Jacken und Schals sprühen. Der Duft haftet lange und lässt sich schlecht wieder entfernen.


Sanfte Strategien für einen respektvollen Umgang mit Duft

Mit einigen einfachen Vereinbarungen lassen sich viele Konflikte rund um Gerüche deutlich entschärfen:

  • Duftfreie Zonen vereinbaren
    Beispielsweise Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Klassenräume oder Therapieräume. Solche Bereiche bieten verlässliche Rückzugsorte ohne zusätzliche Duftbelastung.

  • Intensität bewusst reduzieren
    Wenn Düfte verwendet werden: sparsam dosieren, möglichst nur auf kleine Hautpartien, nicht auf Kleidung in unmittelbarer Nasennähe (z. B. Schal, Kragen).

  • Neutrale oder sehr subtile Düfte bevorzugen
    Viele sensorisch empfindliche Menschen kommen besser mit leichten, „hautnah“ wirkenden Düften zurecht als mit lauten, süßen, sehr blumigen oder stark würzigen Kompositionen.

  • Transparente Kommunikation
    Grenzen klar benennen: „Dieser Duft ist für mich zu stark, ich bekomme Kopfschmerzen davon.“ Solche direkten Aussagen erleichtern es anderen, Rücksicht zu nehmen.

  • Im Zweifel: ganz auf Duft verzichten
    Wenn jemand deutlich unter Düften leidet, ist eine möglichst duftfreie Umgebung meist die beste Lösung – besonders in Schulen, Büros oder gemeinsamen Haushalten.


Kurz zusammengefasst

Für Menschen im Autismus-Spektrum oder mit sensorischer Überempfindlichkeit ist „ein bisschen Parfum“ oft kein nebensächliches Detail, sondern ein starker Reiz. Reizarme Düfte sind in der Regel leicht, klar strukturiert und sehr sparsam eingesetzt. Entscheidend sind behutsames Ausprobieren, kurze Duftkontakte und offene Absprachen. Wo Unsicherheit bleibt, sollte Rücksicht Vorrang haben – und eine duftfreie Umgebung kann ein wichtiger Baustein für Wohlbefinden und Teilhabe sein.


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