Natürliche, naturidentische, synthetische Düfte – worin sie sich wirklich unterscheiden
Düfte begegnen uns überall: in Parfums, Cremes, Shampoos, aber auch in Putzmitteln oder Waschmitteln. Auf der INCI-Liste stolpern Sie dabei immer wieder über Begriffe wie „natürlich“, „naturidentisch“ oder „synthetisch“. Was genau bedeutet das – und spielt es für Haut, Wohlbefinden oder Umwelt tatsächlich eine Rolle?
Im Folgenden geht es darum, diese Begriffe sauber zu trennen, gängige Irrtümer einzuordnen und Ihnen eine Orientierung zu geben, wie Sie Duftstoffe in Ihrer Beauty-Routine bewusster einschätzen können.
Wie Düfte entstehen: Ein Blick hinter die Kulissen der Parfümwelt
Grundsätzlich lassen sich Duftstoffe in drei Gruppen einteilen:
Natürliche Duftstoffe
Sie stammen direkt aus der Natur und werden zum Beispiel durch Pressen, Destillation oder Extraktion aus Pflanzen, Früchten, Harzen oder Hölzern gewonnen. Klassische Beispiele sind ätherische Öle aus Zitrusfrüchten oder Blüten.
Solche natürlichen Komplexe enthalten meist eine ganze Reihe unterschiedlicher Einzelsubstanzen und wirken dadurch oft vielschichtig und „lebendig“. Gleichzeitig schwankt ihre Zusammensetzung: Erntezeit, Klima, Boden oder Lagerung machen sich im Duft bemerkbar – im Guten wie im Problematischen.
Naturidentische Duftstoffe
Hier handelt es sich um Duftmoleküle, die im Labor hergestellt werden, chemisch aber exakt dem entsprechen, was auch in der Natur vorkommt.
Vereinfacht gesagt: Man identifiziert einen bestimmten Duftbaustein aus einer Blüte, analysiert seine Struktur und baut ihn anschließend industriell nach. Das Ergebnis riecht und verhält sich chemisch wie das natürliche Vorbild – stammt aber nicht mehr aus der Pflanze, sondern aus der Synthese.
Synthetische Duftstoffe
Diese Moleküle gibt es in dieser Form nicht in der Natur. Sie werden im Labor entworfen und vollständig synthetisiert.
Das eröffnet Spielräume, die natürliche Rohstoffe nicht bieten: Düfte, die in der Natur gar nicht vorkommen, sehr stabile und langanhaltende Noten oder Bausteine, die bestimmte Effekte im Duftverlauf gezielt verstärken. Viele ikonische Parfüms verdanken ihre Charakteristik solchen synthetischen Komponenten.
Wichtig ist die Einordnung: „Natürlich“ ist nicht automatisch milder, sicherer oder „gesünder“, und „synthetisch“ ist nicht per se bedenklich. Entscheidend sind die eingesetzte Menge, Ihre individuelle Empfindlichkeit und die Gesamtformulierung eines Produkts.
Wie Sie Duftstoffe im Alltag einordnen können
Wenn Sie wissen möchten, welche Düfte in einem Produkt stecken, führt kein Weg an der Inhaltsstoffliste vorbei.
- Der Sammelbegriff „Parfum“ oder „Fragrance“ bedeutet lediglich: Es sind Duftstoffe enthalten. Welche genau, bleibt an dieser Stelle offen.
- Bestimmte bekannte Duft-Allergene müssen ab einer festgelegten Konzentration zusätzlich ausgeschrieben werden – sie tauchen dann als einzelne Bezeichnungen in der INCI-Liste auf.
- Ob es sich um natürliche, naturidentische oder synthetische Duftstoffe handelt, geht aus der INCI-Liste meistens nicht klar hervor. Manche Marken kommentieren das in Produkttexten oder auf der Website, rechtlich vorgeschrieben ist diese Unterscheidung aber nicht.
Für Ihren Alltag lässt sich daraus nur bedingt eine einfache Regel ableiten: Beobachten Sie, wie Ihre eigene Haut reagiert, welche Duftintensität Sie mögen und was Ihnen eventuell von dermatologischer Seite empfohlen wurde.
Typische Stolperfallen – und wie Sie sie vermeiden
Missverständnis 1: „Natürlich = automatisch hautschonend“
Natürliche Duftstoffe – insbesondere konzentrierte ätherische Öle – können die Haut reizen und Kontaktallergien auslösen. Das gilt vor allem bei empfindlicher, vorgeschädigter oder barrieregestörter Haut. Natürlicher Ursprung schützt nicht vor Nebenwirkungen.
Missverständnis 2: „Synthetisch = grundsätzlich bedenklich“
Viele synthetische und naturidentische Duftstoffe sind gut untersucht, werden streng reguliert und bewusst niedrig dosiert eingesetzt. Auch sie können irritieren, müssen es aber nicht. Die pauschale Gleichsetzung „synthetisch = schlecht“ wird der tatsächlichen Datenlage nicht gerecht.
Missverständnis 3: „Duftfrei heißt immer komplett ohne Duftstoffe“
„Duftfrei“ oder „ohne Parfum“ bedeutet in der Praxis meist: Es wurden keine zusätzlichen Duftmischungen formuliert, deren Ziel ausschließlich der Geruch ist. Einzelne Inhaltsstoffe können trotzdem einen Eigengeruch haben – sie werden nur nicht primär als Duftstoff eingesetzt.
Praktische Tipps für bewussten Umgang mit Duftstoffen
- Bei sensibler Haut reduzieren: Je reaktiver Ihre Haut, desto eher lohnt sich ein Blick auf dezenter duftende oder explizit unparfümierte Produkte. Weniger ist hier oft mehr.
- Neues vorsichtig testen: Neue Produkte anfangs auf einer kleinen Hautstelle ausprobieren – besonders, wenn Sie zu Allergien oder Ekzemen neigen. So lassen sich stärkere Reaktionen früh abfangen.
- Duftquellen bündeln: Wenn Duschgel, Bodylotion, Deodorant und Parfum jeweils stark parfümiert sind, summiert sich die Duftbelastung. Häufig ist es angenehmer (und hautschonender), ein Hauptduftprodukt zu wählen und den Rest eher neutral zu halten.
- Auf Ihre Nase hören: Wenn ein Produkt Sie dauerhaft „anspringt“, Kopfschmerzen verursacht oder Ihnen schnell „zu viel“ wird, passt es nicht zu Ihnen – unabhängig davon, ob der Duft aus der Natur stammt oder aus dem Labor.
- Bei Unsicherheit fachlichen Rat einholen: Treten wiederholt Rötungen, Juckreiz oder Ekzeme auf, kann eine dermatologische Abklärung (zum Beispiel ein Epikutantest) helfen, konkrete Auslöser zu identifizieren und gezielt zu meiden.
Kurz zusammengefasst
Natürliche Duftstoffe stammen direkt aus Pflanzen oder anderen natürlichen Quellen. Sie sind komplex, variabel – und keineswegs automatisch sanft zur Haut.
Naturidentische Duftstoffe werden synthetisch hergestellt, entsprechen aber Molekülen, die auch in der Natur vorkommen. Ihr Vorteil liegt vor allem in der Standardisierbarkeit.
Synthetische Duftstoffe sind vollständig im Labor entwickelt und erlauben eine große Bandbreite an stabilen, charakteristischen Duftstrukturen.
Welche Variante für Sie die sinnvollste ist, hängt weniger an den Etiketten „natürlich“ oder „synthetisch“ als an Ihrer Haut, Ihrer Empfindlichkeit und Ihrem persönlichen Verhältnis zu Duft.