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Wie erkenne ich, ob ein Wirkstoff in ausreichender Konzentration im Produkt enthalten ist?

Wie viel Wirkstoff steckt wirklich drin? So lesen Sie Kosmetikprodukte sinnvoll

Viele Pflegeprodukte klingen auf dem Papier beeindruckend: Retinol hier, Peptide dort, dazu ein Hauch „Superfood-Extrakt“. Aber wie finden Sie heraus, ob diese Stoffe überhaupt in einer Menge enthalten sind, die etwas bewirken kann?

Auf der Vorderseite der Verpackung steht selten eine klare Prozentzahl. Hinten prangt eine INCI-Liste, die auf den ersten Blick eher nach Chemieskript als nach Hautpflege aussieht. Trotzdem lässt sich mehr daraus lesen, als man denkt – auch wenn ohne Laboranalyse immer eine gewisse Unsicherheit bleibt.


Warum die Konzentration eines Wirkstoffs so wichtig ist

Ob ein Inhaltsstoff tatsächlich „arbeitet“ oder eher Dekoration ist, hängt nicht nur von seiner Qualität ab, sondern wesentlich von der eingesetzten Menge.

Die meisten Wirkstoffe bewegen sich in einem Wirksamkeitsbereich:

  • Unterhalb einer bestimmten Schwelle passiert auf der Haut kaum etwas.
  • Wird diese Schwelle deutlich überschritten, nehmen zwar oft die Effekte zu, aber auch das Risiko für Reizungen, Rötungen oder Trockenheit.

Wichtig ist dabei:

  • In der EU müssen alle Inhaltsstoffe angegeben werden – aber nicht, in welcher Menge.
  • Die Reihenfolge gibt zumindest einen Anhaltspunkt: Ab etwa 1 % werden die Stoffe in absteigender Konzentration gelistet.
  • Unterhalb von ungefähr 1 % dürfen Hersteller die Reihenfolge frei wählen. Spätestens ab diesem Bereich verliert die Liste an Aussagekraft zur genauen Dosierung.

Das heißt: Exakte Zahlen werden Sie auf der INCI-Liste nicht finden. Sie können aber einschätzen, ob eine beworbene Wirkstoffmenge zumindest plausibel ist – oder eher nach Marketing aussieht.


So lesen Sie die INCI-Liste mit mehr Durchblick

Auch ohne chemischen Hintergrund können Sie sich an ein paar einfachen Leitlinien orientieren.

1. Position des Wirkstoffs in der Liste

  • Taucht ein beworbener Wirkstoff unter den ersten fünf bis zehn Inhaltsstoffen auf, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er in einer relevanten Konzentration eingesetzt wird.
  • Steht er weit hinten, insbesondere nach einer Reihe von Duftstoffen, Farbstoffen oder Pflanzenextrakten, ist er sehr wahrscheinlich nur in kleiner Menge enthalten.

2. Basis-Inhaltsstoffe erkennen
Ganz oben stehen fast immer die „Träger“: Wasser (Aqua), verschiedene Fette, Öle, Glycerin, Alkohol. Das ist normal – schließlich braucht jeder Wirkstoff ein Gerüst, in das er eingebettet wird. Entscheidend ist, wo der beworbene Wirkstoff im Verhältnis dazu auftaucht.

Ein Beispiel: Wenn auf der Vorderseite groß mit Niacinamid geworben wird, das in der INCI-Liste aber irgendwo zwischen Duftstoffen und Farbstoffen auftaucht, ist die angepriesene Wirkung zumindest fraglich.

3. Mehrere Wirkstoffe – Erwartungen justieren
Produkte, die mit einer halben Tabelle an „Power-Wirkstoffen“ werben, klingen attraktiv. Wenn aber alle relevanten Stoffe im hinteren Drittel der Liste stehen, ist es unwahrscheinlich, dass sie alle gleichzeitig in sinnvoller Dosierung enthalten sind. Oft sind dann nur kleine „Marketing-Spuren“ davon in der Formulierung.

4. Freiwillige Prozentangaben einordnen
Manche Hersteller nennen konkrete Prozente (z. B. „10 % Niacinamid“, „2 % Salicylsäure“). Das ist grundsätzlich hilfreich, ersetzt aber nicht den Blick aufs Ganze:

  • Passt der pH-Wert zum Wirkstoff (z. B. bei Säuren)?
  • Ist die restliche Formulierung eher reizarm oder stark parfümiert und alkoholbetont?
  • Ergibt die Kombination mit anderen Wirkstoffen Sinn?

Eine Zahl alleine sagt wenig darüber, wie das Produkt auf Ihrer Haut tatsächlich funktioniert.


Typische Stolperfallen – und wie Sie sie umgehen

„Je weiter vorne, desto besser – immer?“
Nein. Einige Wirkstoffe sind in höheren Konzentrationen schlicht zu aggressiv. Retinoide, bestimmte Säuren oder hochkonzentriertes Vitamin C können im mittleren Teil der Liste sinnvoller aufgehoben sein als unter den ersten drei Inhaltsstoffen.

„Mehr ist immer besser“
Gerade bei aktiven Wirkstoffen ist das Gegenteil oft der Fall:

  • Zu hohe Dosierungen können die Hautbarriere schwächen,
  • Rötungen, Brennen oder Schuppung fördern,
  • und am Ende dazu führen, dass Sie das Produkt gar nicht mehr nutzen können.

Ein moderat dosiertes Produkt, das Sie langfristig vertragen, bringt Ihnen mehr als ein „Maximal-Serum“, das Sie nach drei Tagen entnervt absetzen.

„Groß beworben = hoch dosiert“
Die schönste Produktfront sagt nichts über die konkrete Dosis aus. Begriffe wie „hochkonzentriert“, „intensiv“ oder „boosted“ sind rechtlich dehnbar und marketingtauglich, aber nicht messbar.
Wenn Sie wirklich etwas wissen wollen, schauen Sie auf die INCI-Liste – nicht auf die Schlagworte.


Orientierung im Alltag: So treffen Sie realistische Entscheidungen

Auch ohne Labor und Fachliteratur können Sie pragmatisch vorgehen.

  • Auf die ersten 10–12 Inhaltsstoffe achten
    Fragen Sie sich: Taucht der gesuchte Wirkstoff dort auf? Wenn ja, spricht das für eine nennenswerte Menge. Wenn er weit dahinter steht, sollten Sie Ihre Erwartungen drosseln.

  • Die Produktkategorie mitdenken
    Leave-on-Produkte (Seren, Cremes, Fluids, Toner, die auf der Haut bleiben) sind der sinnvollere Ort für aktive Wirkstoffe als Reiniger, die nach 30 Sekunden wieder abgewaschen werden.
    Ein Cleanser mit „Vitamin C“ mag sich gut verkaufen, bringt aber selten dieselbe Wirkung wie ein gut formuliertes Serum.

  • Die eigene Haut ernst nehmen
    Theorie ist das eine, Ihre Haut das andere. Beobachten Sie über einige Wochen:

    • Wirkt die Haut gleichmäßiger, glatter, weniger trocken?
    • Gibt es verstärkte Rötungen, Brennen, Spannungsgefühl?

Eine wirksame, halbwegs passende Formulierung zeigt in der Regel nach einigen Wochen messbare Veränderungen – positiv oder negativ.

  • Seriöse Informationsquellen nutzen
    Für Wirkstoffe wie Retinol, Niacinamid, Vitamin C oder AHA/BHA-Säuren gibt es gut dokumentierte Richtbereiche, in denen sie typischerweise eingesetzt werden.
    Solche Angaben sind keine Garantie für ein einzelnes Produkt, helfen aber bei der Einordnung:
    Wenn Sie wissen, dass Niacinamid meist zwischen 2–5 % sinnvoll dosiert wird, und es sehr weit hinten in der Liste steht, wird es eher Richtung „untere Grenze oder drunter“ gehen.

Kurz zusammengefasst

Die exakte Konzentration einzelner Wirkstoffe bleibt ohne Laboranalyse Spekulation. Was Sie aber recht gut abschätzen können:

  • Steht der Wirkstoff sinnvoll positioniert in der INCI-Liste?
  • Passt die Produktart (Leave-on statt Rinse-off) zur gewünschten Wirkung?
  • Wirkt die Formulierung insgesamt stimmig oder überladen und potenziell reizend?
  • Wie reagiert Ihre Haut über mehrere Wochen?

Wichtiger als beeindruckende Prozentangaben ist am Ende, ob ein Produkt Ihre Haut langfristig gut verträgt und sichtbar unterstützt – ohne dass Sie dafür ständig „Schadensbegrenzung“ betreiben müssen.


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